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Foto: George Pennington




Foto: George Pennington
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Die
Stephane-Grappelli-Story
von Marcus A. Woelfle
Am
26.Januar 2008 wäre Stéphane Grappelli (* 26. Januar
1908 in Paris; † 1. Dezember 1997 in Paris, webmaster)
100 Jahre alt geworden. Als er am 1.Dezember 1997 starb, legte er nicht
nur seine über doppelt so alten Meistergeigen, die Guadagnini
und die Montaguana, für immer aus den Händen. Der Mann,
der einst als Stummfilm-Pianist wirkte und noch im Multimedia-Zeitalter
munter musizierte, hinterlässt mehr auf Schellacks, Singles,
10- und 12-Inch-LPs und CDs sowie auf Celluloid, Video und Soundtracks
dokumentierte Töne als irgendein Jazzgeiger, ja vielleicht
als überhaupt ein Violinist der Musikgeschichte. Während
Klassik-Sammlern heute fast schon als Selbstverständlichkeit
gigantische Editionen - Heifetz bei RCA, Stem bei Sony - angeboten
werden, wird es eine entsprechende Edition für Grappelli in
absehbarer Zeit nie geben: Sein Frühwerk wird immer unter der
Trademark Django Reinhardt angepriesen werden, die seltenen Aufnahmen
der mittleren Jahre auszukundschaften bedarf es schon detektivischen
Spürsinns und das Schaffen seit den späten 60ern ist auf
zahlreichen großen und kleinen Labels verstreut, ja es gibt
von ihm sogar (wie bei Armstrong, Miller & Davis) unzählige
10-Mark-Wühlkisten-CDs ohne zuverlässige diskographische
Angaben untrügliches, obgleich fragwürdiges Zeichen seiner
Pantheonisierung.
Das umfangreiche Material zu sichten bleibt uns selbst überlassen;
wir können hier nur die Spitze des Eisberges berühren.
Grappelli
und seine Zunftgenossen
Grappelli
war keineswegs, wie einige übereifrige Nachrufe wollten, der
erste Jazzgeiger. Als er in den frühen 30ern anfing, die Geige
zu bezwingen (zunächst als Altsaxophonist, der für Tango-Einlagen
zur Geige griff) hatte er schon viele illustre Vorgänger, allen
voran Joe Venuti, Eddie South sowie Stuff Smith, der aber erst später
bekannt wurde. Mit allen sollte er später freundschaftlich
um die Wette geigen, und immer wurden es spannende Ohrenblicke der
Violingeschichte. Doch kopiert hat er keinen, wie gerade der Vergleich
mit den ihm nahestehendsten Geigern zeigt: Mit Eddie South, dem
"Black Angel Of The Violin", nahm er am 23.11.37 jene
Verjazzung von Bachs Doppelkonzert auf, die die Nazis als "entartet"
einstampfen ließen und beide zusammen stießen am 29.9.37
für"Lady Be Good" auf den französischen Geigenpionier
Michel Warlop. (Nachzuhören u.a. auf der unentbehrlichen 1
O-CD-Box "Djangology" der EMI France). Im bluesig-wild
wedelnden fiedelnden Stuff Smith fand der elegante Grappelli 1957
seinen Konterpart: Ihr Pablo-Album "Violins No End" verdeutlicht
was es heißt, am diametral entgegengesetzten Ende des gleichen
stilistischen Spektrums zu swingen. Fast interessanter ist ein kaum
bekanntes Dokument ihrer Begegnung, ein "How High The Moon",
daß einmal auf einem italienischen Sampler ("l giganti
del jazz" bei Curcio) erschienen ist. Es ist eine der wenigen
Einspielungen, auf denen dokumentiert ist, dass Grappelli einst
auch das Bebop-Spiel beherrschte - wie eine Fremdsprache, die man
perfekt, aber fast nie spricht. In einer atemberaubenden Vorwegnahme
des Pontyschen Frühstils fordert Grappelli den damals gerade
als Gillespie-Gefährten bekannten Smith heraus, der hier unerwartet
als der traditionellere Geiger mit robustem Swing-Drive Paroli bietet.
Venutis Partnerschaft mit dem Jazzgitarrenpionier Eddie Lang hatte
1933 das Vorbild abgegeben für das legendärste Zweiergespann
der europäischen Jazzgeschichte ab: Stéphane Grappelli
und Django Reinhardt. Zwei Versionen von "I've Found A New
Baby" laden zum Vergleich ein; beide repräsentieren den
jeweiligen Geiger in seiner Höchstform: die 37er Grappelli-Reinhardt-Duo-Einspielung
und die sieben Jahre ältere Venuti-Lang-Version. Venutis Solo
ist technisch eine von Jazzgeigern nicht mehr überbotene Leistung,
überzeugt aber auch musikalisch durch Drive, frappierendes
Flageolett-Spiel und überlegter Chorus-Architektur. Das ist
hottester Jazz, hinterlässt aber doch den Eindruck einer klassischen
Hochleistungsetude, wenn man Grappellis technisch simples Solo angenehm
flüssig swingen hört. (Schließlich kann man Grappelli
mit dieser Nummer im August 1935 als Pianisten, im Oktober 1935
mit dem Hot Club erleben). Erst 1969 traf Grappelli auf Joe Venuti;
auf "Venupelli Blues" (Byg) feierten beide alte Herren,
von einer Jazzgeigen-Welle getragen, gerade ein Comeback. 1969 musizierte
der italoamerikanische Greis wesentlich frecher und schärfer
als in seiner Jugend; der italofranzösische Geiger kontert
mit typischer Noblesse, ist milder als in seiner Jugend.
Kein
anderer Jazzmusiker hat mit so vielen Vertretern seines eigenen
Instruments aufgenommen, als der Grandseigneur der Geige, der Rivalitätsdenken
"absolut lächerlich" fand: Von seinem dänischen
Schüler Svend Asmussen über Bluegrass-Fiddler Vassar Clements
zum indischen "Geigenkönig" Dr. Subramaniam und zum
schmalzigen Duett mit Yehudi Menuhin. Mag manche Begegnung zwiespältige
Eindrücke hinterlassen, so ist Grappellis Neugier erfrischend.
Nachwuchsgeiger förderte Grappelli neidlos. Frankreich wurde
so zum Lande der unbegrenzten geigerischen Möglichkeiten, was
nicht zuletzt die traditionelle Übergabe der Warlop-Geige an
den jeweils herausragenden Jazzgeiger der nächsten Generation
zeigt. Der 1947 verstorbene Warlop vererbte sie an Grappelli, von
ihm aus wurde sie an Jean-Luc Ponty und Didier Lockwood weitergereicht.
Das Treffen mit Ponty ist interessant, zeigt es doch beide Geiger
als Bratscher.
Djangologisches
"Wäre
mir diese Seite nicht gerissen, wäre es vielleicht nie passiert":
Um eine neue Saite aufzuziehen, musste Grappelli 1933 einmal hinter
einen Theater-Vorhang. Dahinter saß Django gemütlich
mit seiner Gitarre auf einem Lehnstuhl. Grappelli stimmte - und
bald stimmte sich halb Europa auf den neuen Sound ein. Gitarristen
und Geiger von Dänemark bis Deutschland, United Kingdom bis
Ungarn zogen nun nach dem Vorbild der beiden neue Saiten auf, denn
trotz amerikanischer Anregungen, die sich nicht zuletzt im Swing-Repertoire
niederschlugen, hatten sie den ersten eigenständigen Beitrag
zum europäischen Jazz geleistet. Was heute unter dem Etikett
"Sinti-Jazz" läuft, findet hier sein Wurzeln. Django,
dessen geniale Improvisationen ihrer Zeit weit voraus waren und
der mit seinem "Dreifingerblitz" das Gitarrenspiel revolutionierte,
beeinflusste als erster Europäer auch den amerikanischen Jazz.
Daher sehen viele in Grappelli nur den ehemaligen Geiger von Django
Reinhardt. Grappelli sah es anders: "Django war mein Gitarrist."
Tatsächlich war ihre gemeinsame Gruppe weder nach dem großen
Gitarristen, noch nach dem Geiger benannt. Sie hieß schlicht
"Quintette du Hot-Club de France". Der Sohn eines Philosophie-Lehrers
konnte organisieren, war musikalisch gebildet und verstand etwas
vom Geschäft, während Reinhardt "nur" ein unberechenbares
musikalisches Genie war, das weder Noten schreiben, noch mit Banknoten
umgehen konnte.
Mit
"l saw Stars" und "I'm Confessin... wird im September
1934 eines der aufsehenerregendsten Debuts der Jazzplattengeschichte
vorgelegt. Schon hier vernimmt man: In den Jahren mit Django spielte
Grappelli noch wesentlich aggressiver, druckvoller und geradliniger
als später, als seine Neigung zu reichhaltiger Ornamentik und
zu klanglicher Süße stärker wurde. Die Aufnahmen
des Quintette Du Hot-Club de France sind allesamt auf so hohem Niveau,
dass sich die Anschaffung der 10-CD-Box der EMI France lohnt. Sie
enthält auch die Aufnahmen mit Eddie South und den anderen
amerikanischen Gästen. Schade, dass bei EMI nur die Jahre 1936-1948
dokumentiert sind und somit insbesondere die ersten Schritte fehlen.
Wer sich auf eine Auswahl beschränken möchte, sollte darauf
achten, möglichst viele, klassische gewordene Kleinode aus
der Feder von Reinhardt und Grappelli zu erwischen, wie z.B. "Swing
Guitars", "Minor Swing", "Nuages", "Daphne"
und "Tears". Von 1934 bis 1939 währte die musikalisch
beglückende, aber menschlich schwierige Zusammenarbeit, die
in den 40er Jahren nur vereinzelt wiederbelebt wurde, z.B. 1946
in London mit einer damals umstrittenen, aber nicht respektlos gemeinten
Version der französischen Nationalhymne: "Echoes Of France".
Die
mittleren Jahre
Schon
ab 1935 waren Aufnahmen unter Grappellis eigenem Namen erschienen,
aber erst die englischen Aufnahmen ab 39 zeigen Grappelli als überragendes
Mitglied von "Hatchett's Swingtette" (auf Flapper) erstmals
in einer Django-fernen, aber manchmal leider fast eher Jazzfernen
Umgebung: gepflegter 5-o'clock-Tanz-Tee für Nostalgiker. Immerhin
wird hier der Grundstein zur Freundschaft mit dem Pianisten George
Shearing gelegt. Nicht viel ist aus den mittleren Jahren des 40
bis 60jährigen erhältlich. Am besten behilft man sich
mit der Verve Doppel-CD "Grappelli Story", die als Querschnitt
von 193 8 bis 1992 überhaupt den vielleicht besten Überblick
gibt. Dankbar muss man vor allem für die seltenen Aufnahmen
zwischen 1955 und 1962 sein - einer Zeit, in der Grappelli wie fast
jeder Jazzgeiger keineswegs im Rampenlicht stand. (Eine Ausnahme
bildete damals lediglich Stuff Smith, dessen damalige Verve-Aufnahmen
auf eine längst fällige CD-Edition warten). Grappellis
Spiel hatte in den 50em noch den Biss seiner Jugendjahre und zugleich
schon die technische Überlegenheit seiner Reifezeit' Sein Spiel
fand noch zu manchen überraschenden Wendungen ("I want
to be Happy") und viele "Licks", die seitdem immer
wiederkehrten, entsprangen damals noch spontan und unverbraucht
den Saiten. Dies soll nicht seine Leistungen seit den 70er Jahren
schmälern, für die man hier auf legendäre MPS-Platten,
die mit zu seinem Besten überhaupt gehören - "Afternoon
in Paris", "Violinspiration", "Reunion"
(mit Shearing), "Young Django" - zurückgegriffen
werden konnte. Bis auf letztere (mit L.Coryell und Ph. Catherine),
sind diese Kultscheiben nicht erhältlich!
Das
Spätwerk
Sieht
man von den 30er Jahren ab, die Grappelli als jungen Heißsporn
im Schatten des genialen Manouche zeigt, erscheinen die 70er Jahre
als seine geigerische Glanzzeit: Schnelle Nummern hatten
da bei aller Eleganz geradezu aufwühlende, hysterische Qualitäten.
In den mit unübertrefflicher klanglicher Weichheit zelebrierten
Balladen griff er rückhaltlos zu Stilmitteln, die weniger geniale
Nachahmer zwangsläufig in den Kitsch trieben, aber in den Händen
des liebenswürdigen Musikanten selbst in seinen charmantesten
Balladen nur zur lustvollen Annäherung an eine gefährliche
Grenze dienten. (Der Erfinder des Reimes "Herz-Schmerz"
war auch ein genialer Kopf, der nichts für die kitschigen Abnützungserscheinungen
kann.) Um aus eingefahrenen Gleisen zu kommen suchte der alternde
Grappelli immer wieder Begegnungen mit ganz anders gearteten Kollegen.
Unter diesem Vorzeichen wurden die 70er und 80er Jahre waren auch
die Zeit der Begegnung mit großen Pianisten. (Noch im Alter
bekundete der Inbegriff der Jazzgeige, der als Pianist seine Laufbahn
begann, nicht ohne Koketterie schmunzelnd: "Ich bin eigentlich
Pianist; die Geige ist nur mein Gimmick." Wenn er sich dann
ans Klavier setzte, um das zu beweisen, hätte er so manchen
jungem Tastenswinger das Fürchten lehren können - wenn
man gegenüber der personifizierten Liebenswürdigkeit überhaupt
so etwas wie Furcht empfinden kann.) Ob er sich von so grundverschiedenen
Pianisten wie Earl Hines ("Stéphane Grappelli meets
Earl Hines" auf Black Lion), Oscar Peterson (auf Accord), McCoy
Tyner ("One On One" auf Milestone) oder Martial Solal
(auf Owl) begleiten ließ (meist im Duo!), nie wirkte der Alternde
dabei deplaciert. Ohne seinen zeitlosen Stil verstellen zu müssen,
wirkte seine Musizierhaltung schon von Natur aus konziliant und
kompatibel. Nur für das Laute und Rohe fand sich kein Ton auf
seiner Saite. Von einer erstklassigen Rhythmusgruppe beflügelt
- z.B. 1973 auf "Parisian Thoroughfare" (Black Lion) mit
Roland Hanna, Jiri Mraz (einem der wenigen Bassisten, die auf seinem
Niveau mitstreichen konnten) und Mel Lewis - war Grappelli - auf
der Höhe seiner Kunst.
Nichtsdestotrotz
arbeitete Grappelli in den letzten Jahrzehnten viel mit jungen Gitarristen
zusammen. Doch solche Besetzungen mussten sich, wenn der Gitarrist
nicht eines der gelegentlichen Originalgenies wie Joe Pass oder
Baden Powell war, auch nach Jahrzehnten natürlich den Vergleich
mit Django gefallen lassen musste. Grappelli ließ sich im
Gegenzug einiges einfallen, um dem zu entgehen, wenn er z.B. auf
"Just One Of Those Things" (EMI), einem Album mit seinen
häufigen Partnern Martin Taylor und Marc Fosset, einen tabla-Spieler
hinzuzieht. Diesen Schatten der Vergangenheit wusste Charlie Haden
zu nutzen, als 1993 per Collage-Technik den greisen Grandseigneur
mit einer alten Reinhardt-Aufnahme kombinierte. Seit seinem 85.Geburtstag
in der Carnegie Hall musizierte Grappelli auch gern mit dem holländischen
Rosenberg Trio (Alben auf Verve). "Von allen Zigeunergitarristen
und -Gruppen mit denen ich in meinem Leben gespielt habe, sind die
Rosenbergs absolut die Besten." Hatte Grappelli da plötzlich
ihr Urbild Django vergessen? Stochelo Rosenbergs rasante Läufe
sind das Non-Plus-Ultra an Technik, das untadelige Zusammenspiel
mit Grappelli zeugt von Perfektion ohne Blutleere. Ein Wermuthstropfen
bleibt: Zwar atmet fast alles Djangos Geist, doch von der innovativen
Kraft des genialen Manouche, der so oft mit seinem Wagemut überraschte
findet sich kaum eine Spur.
Doch
Jahrzehnte hatten erst nach dem Tod Djangos im Jahre 1953 vergehen
müssen, bevor Grappelli sich überhaupt auf solche eine
direkte Django-Nachfolge einließ. 1969 entstanden (auf Black
Lion erhältliche) jene Alben mit dem New Hot Club Quintet,
die als bewusste DjangoHommage gedacht waren. Doch bei einem Gitarristen
vom eigenständigen Rang eines Barney Kessel ist jede Ähnlichkeit
mit toten Personen ausgeschlossen. Zudem wirkt, für diese Musik
an sich untypisch, ein Schlagzeuger mit. Erst 20 Jahre nach Djangos
Tod, begann Grappelli wieder mit einer Besetzung zu spielen, die
der des Hot Club angenähert war ("In London", Black
Lion). Bei solchen Gelegenheiten beharrte Grappelli darauf, nur
mit zwei und nicht mit drei Gitarristen zu spielen: Ein leerer Stuhl
stand dabei immer auf der Bühne - Symbol für den fehlenden
Django.
Die
letzten Jahre
Dass
die Musik eines gealterten Künstlers sanfter oszilliere und
jugendliche Spannungen, Gegensätze und andere "Unausgegorenheiten"
einer wie auch immer gearteten Abgeklärtheit oder zeitlosen
Klassizität weichen, scheint fast naturgesetzlich. Grappellis
Altersphänomen war keineswegs eine allgemeine Beruhigung -
bis vor kurzem noch jagte er fast so rasant wie vor drei Jahrzehnten
über die Saiten - sondern eine zunehmende klangliche Verweichlichung,
bei der seine fiebrigen Up-Tempo-Läufe noch flüssiger
und das Schwelgen im Sentiment noch schmelzender klang. Wenig hatte
sich da in den letzten Jahren geändert: Des greisen Grappellis
Ton war butterweich, doch nicht mehr ganz so süßlich,
der Einsatz seiner Mittel ökonomischer: Bekannte Themen wurden
nicht gleich so verspielt umspielt und verziert. Standards wurden
wie auf "Live at the Blue Note", Telarc) in Medleys verpackt
oder begnügten sich (wie in alten Schellack-Tagen) wieder mit
drei Minuten. Ohne dass Grappelli deswegen auf die üblichen
Girlanden, Arabesken und Ranken verzichten musste wurden die Improvisationen
kürzer: Da fiel weniger auf, dass die Erstarrung besonders
effektvoller Phrasen zum Klischee im Alter zu-, das Überraschungsmoment
bei Grappellis Alben und Konzerten abnahm, zumal das Vergnügen
gleich blieb. Denn seit Jahrzehnten riss uns das leibhaftige Jazzmuseum
(kaum ein Musiker kannte so viele Standards, so viele Kollegen!)
mit durch seine "Licks", die seltsamerweise in fast jedes
Tune und in jede musikalische Umgebung zu passen schienen - auch
dies ein Form von Ökonomie seines altersweisen Stils.
Das
mit Michel Petrucciani 1996 eingespielte Album "Flamingo"
(Dreyfus Jazz) ist vielleicht sein letztes Album. Welch virtuoses
Feuerwerk hatte Grappelli noch 65jährig bei seiner Begegnung
mit Oscar Peterson in dieses "Flamingo" gelegt: Spritzige
Flageoletts, vollmundige Doppelgriffe, Höchstpräzision
in stratosphärischen Lagen, treibende Läufe. Wenn man
beide "Flamingos" hintereinander hört, wird man leider
auch einer gewissen tonlichen Brüchigkeit des Geigenspiels
gewahr. Doch das ist Nebensache. Nobler, bedachtsamer und essentielles
als Grappelli und Petrucciani im Duo kann man den einstigen Bostic-Röhr-Titel
"Flamingo" nicht spielen. "Flamingo" 73 bedeutet
vor Spannung die Luft anhalten, "Flamingo" 96 ist ein
entspanntes Ausatmen - ein würdiges musikalisches Testament.
Neben
Benny Carter war er einer der letzten Swing-Giganten seiner Generation.
Vergleicht man Grappellis Spiel mit dem des Altisten, findet man
nicht nur die gleiche Vorliebe für einen weichen runden Klang
verbunden mit flüssigem, eleganten und zugleich lebhaften Spiel,
stößt man sogar in der Phrasierung auf erstaunlich Parallelen.
Mit ihrer Ästhetik der quirligen Milde haben sie all jene zornigen
Wilde um Jahrzehnte überlebt, deren Ecken und Kanten man heute
im Jazz als unabdingbar empfindet.
Grappelli
hat noch miterleben können wie seine Kinder, Kindeskinder und
Urur-Enkel, seien es Sinti-Virtuosen von Titi Winterstein bis Martin
Weiss oder französische Modernisten von Jean Luc Ponty bis
Dominique Pifarely, seine Errungenschaften in die unterschiedlichsten
Richtungen weiterentwickelten. Was will man mehr?
Marcus
A. Woelfle
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